Schaefer, Marc (2006)
Die energietechnische Dimension der sozialen Nachhaltigkeit

Diplomarbeiten, Fachgebiet Energiesysteme, TU Berlin

Die Debatte über die nachhaltige Entwicklung hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere durchlaufen. In dieser Zeit haben sich nicht nur die Wahrnehmung von Problemen, sondern auch die Handlungsprogramme in den verschiedensten Perspektiven umstrukturiert – von der internationalen bis hin zur lokalen Ebene. Neue UN-Behörden, die Einrichtung von Enquete-Kommissionen, die Entstehung einer weltweiten Expertengemeinde der Nachhaltigkeits-Forschung, nicht zuletzt die sprunghafte Verbreitung lokaler Agenda 21- Prozesse - all das ist Ergebnis der „Neurahmung“ der bislang getrennt diskutierten ökologischen, ökonomischen und sozialen Problemlagen durch das integrative Konzept nachhaltige Entwicklung. Das ist die eine Seite der Erfolgsgeschichte des Konzepts nachhaltiger Entwicklung. Sie beschreibt die Auswirkungen eines von Politikern, von Nichtregierungsorganisationen, von ökologisch und sozial engagierten gesellschaftlichen Gruppen und von Teilen der Wirtschaft getragenen neuen Expertendiskurses. Auf der anderen Seite ist der Begriff „nachhaltige Entwicklung" in der breiten Öffentlichkeit relativ wenig bekannt – so waren zum Beispiel in einer Studie in Berlin im Jahr 2000 nur vier Prozent der Befragten in der Lage richtige Angaben zu diesem Begriff zu machen (vgl. Haan et al., 2000). Allerdings lassen die Ergebnisse der Studie „Umweltbewusstsein in Deutschland 2002“ erkennen, dass inzwischen 28 Prozent der Bevölkerung den Begriff Nachhaltigkeit einordnen können. Viel wichtiger allerdings ist, dass die Zustimmung zu den inhaltlichen Grundprinzipien „Generationengerechtigkeit“ (85 Prozent) und „nicht mehr Ressourcen verbrauchen als nachwachsen“ (83 Prozent) enorm hoch ist (vgl. Kuckartz/Grunenberg, 2002). Die mangelnde Kommunikationsfähigkeit des Begriffs Nachhaltigkeit erscheint in diesem Licht als gravierend, da die Inhalte offensichtlich nicht in Frage gestellt werden. Mit den Forderungen aus dem Konzept der Nachhaltigkeit rückt die Energieversorgung immer mehr in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Energie war und ist die fundamentale Vorraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und damit für den Wohlstand einer Gesellschaft. Ein hoher Standard der Energieversorgung soll das Mittel sein, mit dem die Ziele Gesundheit, hoher Lebensstandart, nachhaltige Wirtschaft und eine saubere Umwelt erreicht werden können. Dabei werden das Bevölkerungswachstum und die Verbesserung des Lebensstandards in den kommenden Jahren zu einem erheblichen Anstieg des Energieverbrauchs weltweit führen. So wird bereits für die nächsten Jahre erwartet, dass durch den zunehmenden Energiebedarf, beispielsweise in China, der weltweite Verbrauch an nicht-erneuerbaren Primärenergieträgern nicht mehr mit den vorhandenen Förderkapazitäten gedeckt werden kann. „Dabei besteht heute ein Konsens darüber, dass weniger die absolute Reichweite von Kohle und Erdöl oder Erdgas die energiewirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten prägen wird, sondern vielmehr die wirtschaftlich darstellbaren Förderkapazitäten und vor allem die politischen Randbedingungen in den Fördergebieten“. Politische Krisen bestimmen schon heute maßgeblich die Weltmarktpreise fossiler Energieträger (Karl, 2004). Gleichzeitig ist die Ausbeutung nicht-erneuerbarer fossiler Ressourcen eng verknüpft mit der Beanspruchung der Aufnahmenfähigkeit der Umwelt für Abfälle und Emissionen (Senkenfunktion). Dabei rückte in den letzten Jahren zunehmend die Erwärmung des Weltklimas durch den Treibhauseffekt in den Vordergrund des öffentlichen Bewusstseins. Die möglichen Folgen dieses Effektes werden jedoch kontrovers diskutiert. Der Einfluss der Energieversorgung auf die Gesellschaft wird immer deutlicher. Aber „wie wichtig sie auch sein mag für die Entwicklung, Energie ist nur Mittel zum Zweck“ (International Atomic Energy Agency, 2005). Sie muss dem Ziel der Erhaltung und Entwicklung einer „gesunden“ Gesellschaft dienen. 3 Ausführlich zum Treibhauseffekt siehe Anhang A.1.

Fachgebiet Energiesysteme der TU Berlin
Full-Text download of this paper is available on our website.
For more information please click here

Maria Riedinger
TA Building - Room TA 33
Phone: +49 (0)30 314 22 890
Telefax: +49 (0)30 314 26 908
E-Mail: maria.riedinger(at)tu-berlin.de